Warum man sich als Autor auch selbst überrascht

Meine schreibbegeisterten Kollegen kennen das sicherlich: man investiert sehr viel Zeit in den Plot eines zukünftigen Werkes, denn schließlich braucht man einen roten Faden. Der eine spinnt ihn etwas feiner, der andere etwas gröber, Hauptsache, er weist den Weg. Damit die Spannung nicht zu kurz kommt, baut man Fallen ein, plötzliche Wendungen und Cliffhanger, auf gar keinen Fall soll der Leser das Buch aus der Hand legen. Und dann passiert es: die Handlung führt uns an der Nase herum!

Mit eiserner Disziplin folgen wir unserem Pfad und dann, mir nichts dir nichts, nimmt uns die Geschichte selbst mit auf eine Reise. Die Welt aus schwarzen Buchstaben gewinnt an Farbe, dann an Tiefe, bis sie wahrhaftig begehbar wird und ehe wir es bemerken, sind wir selbst ein Teil davon. Plötzlich tauchen Orte, Gegenstände oder gar Figuren auf, die in unserer Planung gar nicht existierten und dennoch so faszinierend sind, dass sie einfach Erwähnung finden müssen! Verrückt wären wir, diese spontanen Phantastereien einfach unter den Tisch fallen zu lassen! Also geben wir ihnen Platz und Raum, damit sie wirken können. Nicht nur in unseren Köpfen. Es waren ja erst 400 Seiten geplant, was machen da schon drei oder fünzig Seiten mehr? Peanuts.

Sie sind bunt, zurückhaltend, heroisch, verspielt, ignorant, arrogant, verträumt und noch einiges mehr. Die Charaktere, denen wir Leben einhauchen. Wir schenken ihnen Lebensläufe, Familien, ganze Stammbäume und sogar Sprachen. Ohne Hemmungen lassen wir sie die größten und kleinsten Abenteuer bestehen oder auch nicht. Seite an Seite beschreiten wir Schlachtfelder, erleben erotische Abenteuer mit ihnen, bis sie uns nicht mehr gehorchen. Statt ihren Blick in die gewünschte Richtung zu wenden, wie wir es ihnen mit Worten zu verstehen geben, sehen sie uns an. Einfach so! Sie zwingen uns aus unserer Komfort-Zone herauszutreten und sich ihnen zu stellen. Da rechnet doch keiner mit. Einige von ihnen äußern Wünsche, werden stur oder nehmen einen aufs Korn. Und dann steht man als Autor da mit seiner Schöpfung und überlegt, wie man nun weiter mit ihr umgehen soll. Das eigene Kind würde man ins Bett oder aufs Zimmer schicken. Aber diese Gesellen? Sie wohnen in unseren Köpfen, ihnen zu entkommen ist unmöglich. Tanzen wir nicht nach ihrer Pfeife, sorgen sie für schlaflose Nächte. Ich weiß, es ist nur schwer zu glauben, aber unsere eigene Phantasie macht uns erpressbar. Ich wollte es selbst kaum wahr haben, bis einer meiner Drachen drohte Dinge über mich auszuplaudern, die tief in meinen Hirnwindungen versteckt waren. Den Beweis dafür findet ihr in meiner Autorencouch (erstes Interview).

Und dann wäre da noch eine Sache. Nachdem die quälende Vorbereitung für die Geschichte abgeschlossen ist und man nicht mehr wie ein Stier vor dem roten Tuch scharren muss, beginnt die Arbeit und man ist nur noch versucht die Finger knotenfrei zu halten, um die Gedanken so schnell es geht auf Papier zu bringen (man, was für ein Monstersatz). Der rote Faden wird geritten wie DIE EINE Welle, man ist heiß, freut sich über die Aktivität der eigenen Hirnwindungen, blickt in Gedanken zur Seite und denkt: Holy Sh**. Und da schwebt sie, eine Idee. Geiler, cooler, pompöser und trickreicher als das, was man für den roten Faden geplant hat. Die Konzentration reißt ab, man stürzt von der Welle und hat nun die Wahl. Folgt man dem roten Faden weiter, der jetzt irgendwie nur noch okay erscheint, oder schnappt man sich diese Idee, strickt sie aus dem roten Faden zu einen coolen roten Pulli, um mit diesem genialen Konstrukt weiter zu machen? Ratet mal. Was denn sonst?

Und so wird aus einer geplanten Geschichte ein grandioses Werk, das uns selbst überrascht. Aber wem erzähle ich das eigentlich? Ihr kennt das ja ;)

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