Rezension: Das Gedächtnis der Insel – Christian Buder

Das Gedächtnis der InselRezension zu Das Gedächtnis der Insel von Christian Buder

Das Gedächtnis der Insel habe ich als Empfehlung auf Twitter gefunden, angepriesen als ein Buch mit ganz besonderer Atmosphäre. Das schlichte Cover ist einladend, ein Stück weit geheimnisvoll. Das wird vom Klappentext noch unterstrichen, der eigentlich gar keiner ist. Stattdessen heißt es:

Ich habe immer wieder beobachtet, wie Menschen die Liebe gerade dann als das Höchste empfinden, wenn die Liebenden dabei zugrunde gehen. Überleben die Liebenden, dann sind sie nicht mehr dieselben. Davon handelt mein Roman.

Worum geht es aber tatsächlich? Yann kehrt zurück in seiner Heimat, einer Insel vor Frankreich, um der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen, der plötzlich und unter merkwürdigen Umständen verstorben ist. Dort angekommen, zieht ein Jahrhundertsturm auf. Der weckt die Erinnerungen an seine Mutter, die in einem solchen vor 30 Jahren verschollen ist. Bei den Recherchen mit der zurückgewiesenen Jugendliebe Gwenn, stehen beide vor einer Mauer des Schweigens. Und diese scheint auch mit dem Verschwinden der Mutter begründet zu sein.

Die Idee zur Geschichte ist interessant und kann tatsächlich, begünstigt durch den drohenden Sturm, mit einer besonderen Atmosphäre aufwarten. Die kontinuierliche Geheimniskrämerei der Inselbewohner stichelt einen an, mehr über die Hintergründe zu erfahren. Genauso verschroben wie die Einstellung, sind die Charaktere selbst. Das belebt die Geschichte und trägt ungemein zur Stimmung bei.

Leider enden für mich da die positiven Aspekte der Geschichte. Sprachlich und inhaltlich kippt das Buch nach der Hälfte. Es macht den Eindruck, als hätte das Lektorat ab da keine Lust mehr gehabt. Wo es in der erste Hälfte schöne sprachliche Bilder gibt, stolpert man in der Zweiten über grobe Satzkonstruktionen und permanente Wiederholungen. Das Highlight war 5x Yann auf 3 Zeilen. Darüber könnte man noch hinweg sehen, wenn es nicht noch Logikbrüche gäbe. So führt Yann ein Gespräch in der Bar mit einem der Einwohner, folgt ihm nach draußen, um den nächsten Satz wieder in der Bar zu sprechen. Davon gab es noch zwei weitere Szenen.

Für die Hauptkritik muss ich ins Detail gehen, weshalb nun ein SPOILER-Alarm folgt. Das Ende ist schlichtweg Humbug und zwar aus zwei Gründen. Zunächst einmal überflutet eine Monsterwelle die Insel und zerstört alles. Gut, die gibt es. Die Insel liegt allerdings weit vor der Küste, was sie um so seltener machen. Da die Welle weiter auf die Küste rollen würde, wäre sie dort um ein Vielfaches höher und spätestens jetzt wird aus dem Roman eine fantastische Geschichte. Die physikalischen Gegebenheiten werden also der Geschichte angepasst.

Der zweite Punkt ist die Auflösung der Geschichte. Seit 30 Jahren ist Yanns Mutter verschollen. Sie taucht auf der Insel auf, völlig unbemerkt und genau dann, wo Yann um sein Leben fürchtet und am einzigen Flecken, wo man die Welle überstehen kann. Ehrlich? Woher konnte sie wissen, dass seine Flucht ihn genau zum Leuchtturm bringt? Warum sie da ist, wird nicht einmal richtig begründet. Offensichtlich wusste sie auch, dass Yann seit ihrem Verschwinden in Paris gelebt hat. Selbst wenn sie Angst vor ihrem Ex-Mann hatte, weshalb hat sie keinen Kontakt zu ihrem Sohn gesucht? In Sicherheit und außer Reichweite des Vaters? Weshalb hat sich keiner der Wissenden je dem Jungen anvertraut, obwohl er litt? Wieso betrieb Yanns Stiefmutter solch einen enormen Aufwand alles geheim zu halten, ließ die Möglichkeiten der Beseitigung von Yann und seiner Mutter aber mehrfach ungenutzt?

Das Ende mit all den offenen Fragen, als auch die qualitativen Schwächen haben mich leider nicht überzeugt. Zudem deutet der Klappentext, der keiner ist, eine tragische Liebesgeschichte an. Dabei geht es um die Liebe eines Sohnes zu seiner Mutter. Die lese ich dort aber nicht heraus. Nehme ich all meine Argumente zusammen, kann ich für Das Gedächtnis der Insel keine Leseempfehlung aussprechen. Da die erste Hälfte durchaus ihren Reiz hat und hält, was versprochen wird, liege ich noch bei 2/5 Sternen.

Weitere Rezensionen zum Buch findet ihr hier:

svenhensel.de
buchjournal.de

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