Weshalb Literaturpreise nicht gut tun

Seid je her gibt es für besondere Leistungen Preise, als Auszeichnung, als Belohnung. Sie heben einen für einen Moment aus dem „Durchschnitt“ heraus, geben einem 5 Minuten Ruhm, schaffen es vielleicht nachhaltigen Erfolg zu liefern. Ich freue mich für Autorenkollegen, Blogger und andere Künstler, wenn ihre Leistungen gewürdigt werden und ihnen dieser besondere Moment geschenkt wird. Bei all den Preisen in der Literaturlandschaft ist mir allerdings eines aufgefallen, dass all das ein wenig relativiert. Mit dem nachfolgenden Beitrag möchte ich die Leistungen der Preisträger auf gar keinen Fall schmälern, sondern das System dahinter kritisch hinterfragen.

Der Moment, wenn man selbst gewinnt

Im Dezember 2016 erhielt ich die Nachricht, dass ich auf whatchareadin.de den Publikumspreis für Fantastik gewonnen habe. Welcher Preis? Ich habe doch nirgendwo teilgenommen. Und dann blickte ich auf die Liste der Sieger und war regelrecht sprachlos.


Leserpreis 2016

Eine Welle der Euphorie trieb mich tanzend durchs Haus, bis meine Frau mich dann genervt irgendwann an einen Stuhl band. Eben diese Überraschung über den Erfolg, hat mir vor Augen geführt woran es bei den meisten der Literaturpreise hapert.

Die Art der Bewertung – der Fehler im System

Literaturpreise folgen meist folgendem Schema:

  1. große Ankündigung, um medial präsent zu sein

  2. Aktivierung der Community mit abzustimmen

  3. das Werk mit den meisten Votings gewinnt

  4. öffentliche Prämierung

Prinzipiell scheint dies ein sinnvolles System, das viele mit einbindet und vor allem transparent ist. Leider ist diese Bewertung nur eines: ein Klickzirkel. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Literatur findet hier nicht statt. Klar, dass es Voter gibt, die ein Buch tatsächlich markieren weil es ihnen gefallen hat, wird es geben. Aber wenn man ehrlich ist, wird dies die Minderheit sein. Denn sobald solch ein Preis angekündigt wird, versucht man zunächst auf die Liste zu kommen, mobilisiert die eigenen Leute und möchte so hoch wie möglich klettern.

Also welche Aussagekraft über den Preis bleibt dann am Ende noch? Wer die größte Community und Reichweite hat?

Konkrete Beispiele

Natürlich kann ich nicht kritisieren, ohne meine negative Sicht irgendwie zu untermauern. Aus diesem Grund zeige ich euch was mich an den mir bekannten Literaturpreisen stört:

Deutscher Phantastik Preis

Die von einer unabhängigen Jury definierte Longlist kann durch eigene Vorschläge ergänzt werden. Die Longlist selbst beinhaltet fast ausschließlich Verlagswerke, ignoriert von Beginn an erfolgreiche Selfpublisher (dieses Jahr sind 4/66 Nominierungen SPLer). Zudem ist die Übersicht so gewählt, dass Vorschläge zwar eingereicht werden, die eigentliche Bewertung aber auf der definierten Longlist erfolgt. Die Bewertungskriterien sind unklar, die Bewertung selbst nicht transparent, eine vollständige Liste der Nominierten gibt es nicht.

Kindle Storyteller Award – Deutscher Self Publishing Award

Diese Auszeichnung ist der Inbegriff der Irreführung, denn sie müsste „Amazon Self Publishing Award“ heißen. Denn zugelassen sind hier reine Kindle-Werke. Aber auch nur solche, die ausschließlich bei KDP veröffentlicht wurden. Damit ist dieser Preis eine reine Selbstbeweihräucherung über die eigene Marketingmacht und sagt leider gar nichts über die nominierten Werke aus.

Lovelybooks Bücherlisten

Zugegebenermaßen kein wirklicher Preis, aber die Aufmachung und das System lassen es wie solche aussehen, denn die Kategorien beginnen unter anderem mit: „Beste Bucherscheinung“, „Beste sowieso“ usw. Auch hier findet keine Wertung jeglicher Art statt, sondern ein perfektionierter Klickzirkel.

Deutscher Buchpreis

Hier brauche nur ein Zitat über die Preisbeschreibung anführen, um alles zu sagen: „Verlage können sich mit ihren Titeln direkt um die Auszeichnung bewerben. Die Besonderheit: Auch Titel, die sich zum Zeitpunkt der Ausschreibung noch in der Produktion befinden, sind zum Auswahlverfahren zugelassen.“ Das nun also Bücher einen Preis gewinnen können, die bis dato kein einziger Leser gesehen hat, gleichzeitig aber für die deutsche Sprachvielfalt stehen, ist kurzum eine Farce. Dass auch Self Publisher die deutsche Sprachvielfalt bereichern, fällt leider einmal mehr unter den Tisch.

Was es mit Autoren macht

Weshalb störe ich mich daran, dass Preise verliehen werden, deren einzige Aussage meist ein laues Sommerlüftchen ist? Diese Preise bewirken genau das Gegenteil dessen, was Autoren mit ihren Werken bezwecken. Statt sich der Freude an Geschichten, Welten, Wesen und Gedanken hinzugeben, wird das Buch, das Werk als Wettbewerbsinstrument missbraucht. Literatur steht nicht im Wettbewerb. Sie soll bereichern, zum Nachdenken anregen, kritisch Themen und Umstände in der Gesellschaft beleuchten. Und sie kann dies so vielschichtig und vielseitig tun, dass die Diskussion zweier Orks die gleiche Tiefe erreichen kann, wie die Selbstbiografie eines Politikers.

Diese Wettbewerbe schaffen Neid und Missgunst, machen aus Partnern Kontrahenten. Ich finde dies so traurig, weil es gerade unter den Self Publishern eine enorme Hilfsbereitschaft gibt. Ja beinahe eine familiäre Atmosphäre, in der Ideen und Werke noch im Fokus stehen und nicht der Profit oder die schlichte Aufmerksamkeit. Diese Preise verdeutlichen die Unnahbarkeit der Branche, in der die Oberfläche alles ist.

Was es mit dem Lesen und den Lesern macht

Bei der schier großen Zahl an Veröffentlichungen ist es nahezu unmöglich einen Überblick über gute Literatur zu behalten. Buchpreise sind da ein probates Mittel einen Scheinwerfer auf besondere Werke zu richten. Leider ist dieser Blick nicht literarisch, sondern machtpolitisch. Leser werden manipuliert, in dem ihnen Buchpreise als echte Leserwertschätzung verkauft werden. Sie sind ein Marketinginstrument der Branche selbst. Wer sich einmal bei Wikipedia die Liste der deutschen Literaturpreise ansehen möchte, gerne. Es sind hunderte.

Genauso wenig sagt die Spiegel Bestsellerliste etwas über den Erfolg eines Buches oder die tatsächliche Leserschaft aus. Es ist ein Ranking des erfolgreichsten Marketings, mehr nicht. Aber der Eindruck, dass scheinbar viele andere Leser es gekauft haben, reicht offenbar als.

Brauchen wir denn Buchpreise?

Um es ganz ehrlich zu sagen: Nein. Dort wo es Wettbewerbe gibt, gibt es auch Manipulationen. Fairness wird man dort nicht finden. Muss man das denn? Solange es transparente Kriterien gibt und eine Jury, die wirklich unabhängig, neutral, Genre- und Autorenübergreifend tätig wird, kann das funktionieren. Aber auch dann spielen individuelle Wünsche und Eindrücke, persönliche Beziehungen eine Rolle.

Warum entscheidet der Leser nicht? Tut er doch, könnte man jetzt sagen. Er wird doch zur Abstimmung motiviert. Richtig, aber nicht freiwillig. Weshalb werden nicht die Rezensionen für Preise herangezogen? Klar, auch sie sind nicht frei von Manipulation, aber immer noch deutlich aussagekräftiger als jeder Klickzirkel. Es gibt so unzählige Händler, Online-Händler, Blogger, YouTuber und natürlich Leser, weshalb wird ihre tatsächliche Meinung ignoriert? Das wäre für mich die Basis für einen Preis, der wirklich Aussagekraft hat. UND den Autor überraschen wird, wenn er sich plötzlich auf einer Shortlist wiederfindet.

Euer Feedback

Dieser Beitrag spiegelt rein meine Erfahrung und Ansichten wieder. Daher würde es mich freuen, wenn ihr gegensätzliche Erfahrung mit mir teilt. Vlt. gibt es Literaturpreise, die noch zu klein und unbekannt sind und deren faires System ganz neue Ansätze schaffen könnten.